Das Schloss

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Schweizerischer Kunstführer

Herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Author: René Moeri
 

GESCHICHTE

Im Südwesten der Stadt Bern, auf einer Linie, welche das höhere Mittelland mit seinen letzten Ausläufern Gurten und Ulmizberg vom tieferen Mittelland trennt, ragen auf sanfter Bodenwelle Kirche und Schloss Köniz über ein paar Firsten empor. Als Kern der uralten Siedlung bestimmen sie noch heute das Dorfbild: Die Kirche als sichtbares Zeichen geistlicher Macht, das Schloss, in dem seit 1732 der Landvogt residierte, als Ausdruck obrigkeitlicher Gewalt. Sie können als die eigentlichen „Urzellen“ des Dorfes betrachtet werden, welches sich in den letzten Dezennien seines rein landwirtschaftlichen Charakters entkleidet und zur grössten Vorortsgemeinde der Bundesstadt gewandelt hat, im grossen Verflechtungsprozess aber die politische Selbständigkeit zu wahren wusste. Die Anfänge des Gotteshauses, das den Aposteln Petrus und Paulus geweiht ist (ursprünglich nur Petrus), verlieren sich im Dunkel des frühen Mittelalters. Nach der mündlichen Überlieferung ist es eine Stiftung der Königin Bertha von Burgund, deren Andenken bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben ist, und ihres Gemahls Rudolf II., und müsste somit in den Jahren zwischen 922 (Heirat des Herrscherpaares) und 937 (Tod Rudolfs) erfolgt sein. Eine Stiftungsurkunde liegt indessen nicht vor, doch weisen zwei Dokumente in diese Richtung. Der Ortsname selbst, wohl keltischen Ursprungs, bleibt rätselhaft. Er taucht zum ersten Male in einer zwischen 1011 und 1016 zu St. Maurice ausgestellten Urkunde auf. Darin verleihen der Erzbischof Burkhard von Lyon, Enkel der Königin Bertha und Bruder Rudolfs III., sowie die berühmte Abtei einer gewissen Hildegard und ihren Söhnen Wilhelm und Ulrich anderthalb Huben Land „in Villa Chunichis“ in der Grafschaft Bargen.

Das Original dieses Lehensbriefes ist verloren, doch bestehen zwei alte Abschriften, welche im Archiv von Turin aufbewahrt werden. Im Urbar von 1554 wird ferner berichtet, dass in Köniz bis zur Reformation die Jahrzeit (Gedenkgottesdienst, Totenmesse) des Königs Rudolf II. und seiner Gemahlin als den „Stiftern diss Hus“ gefeiert wurde und dass sich alte Leute damals (26 Jahre nach Einführung der Reformation) noch daran erinnert hätten. Der Kirche wurde schon früh ein Stift regulierter Augustiner Chorherren angegliedert, Im Jahre 1128 berief Graf Amadeus von Savoyen die Kongregation nach St-Maurice, 1130 gegründete Freiherr Selger von Oberhofen das Reichsstift Interlaken, von wo aus um die Jahrhundertmitte Köniz beschickt wurde. Ein Probst erscheint hier in einer am 1. Dezember 1208 zu Solothurn ausgestellten Urkunde. Das Chorherrenstift, als kirchlicher Mittelpunkt eines weiten Gebietes, erlangte recht bald eine grosse Bedeutung. Es gab auch einem Dekanat den Namen, welches vor der Gründung des Dekanats Freiburg, also vor 1182, vielleicht das ganze Gebiet zwischen Aare und Saane, von den Hochalpen bis in die Gegend von Mühleberg, umfasste, später aber im Westen durch den Lauf der Sense begrenzt wurde (Kartular des Bischofs von Lausanne 1228). Mehr als zwanzig Kirchen waren der geistlichen Oberaufsicht des Propstes von Köniz unterstellt, so die Leutkirche der jungen Stadt Bern. Wenn auch die Bezeichnung „Dekanat de Berno“ den alten Namen allmählich verdrängte, so hatte doch der Dekan seinen Sitz stets in Köniz.
Im Jahr 1226 übergab Kaiser Friedrich II. das Chorherrenstift mit allen Rechten und Gütern dem Deutschen Ritterorden, welcher bei der Belagerung von Akkon im Jahre 1190 durch den Sohn Barbarossas, Herzog Friedrich von Schwaben, gegründet durch Papst Celestinius bestätigt worden war. Die Könizer Chorherren setzten sich für ihren Besitz gleich heftig zur Wehr, und mit Hilfe des Bischofs Bonifatius von Lausanne gelang es ihnen, den Einzug der Deutschherren bis zum Frühjahr 1236 hinauszuzögern. Drei kaiserliche, drei königliche, drei päpstliche Urkunden und drei schiedsgerichtliche Entscheide geben uns Einblick in diesen wechselvollen Kampf um Köniz, in dem sich das gewaltige Ringen zwischen Kaiser und Papst, zwischen Gibellinen und Welfen widerspiegelt. Erst der Schiedsspruch von Lausanne vom 31.Mai 1243 brachte das Stift endgültig in den Besitz der Deutschritter, zusammen mit dem Patronat über die Gotteshäuser Bümpliz, Neuenegg, Mühleberg, Überstorf und Bern, denen später Wahlern, Oberbalm, Laupen und Bösingen folgten. 1256 richteten sie neben der Leutkirche Bern, in den sie den Gottesdienst versahen, im Stift ihre Priesterkommende ein. 1276 erfolgte indessen die Abtrennung von Köniz, und die aufstrebende Zähringerstadt erhielt ihren klar umgrenzten Pfarrsprengel.Eine grosse Ordensburg war Köniz nicht. Im 13. und 14. Jh. wirkten hier vor allem ältere oder invalide Ritter, kaum ein Dutzend an der Zahl, welche von den dienenden Brüdern im grauen Rock betreten wurden. Sie führten ein Leben der Entsagung nach der Regel der Augustiner und halfen Bedrängten mit Rat und Tat. Das Schloss war auch eine Freistatt für gerichtlich Verfolgte. Die Komture waren meist elsässische oder schwäbische Adelige, doch finden wir unter den 38 Namen auch solche einheimischen Ursprungs. Bei Einführung der Reformation 1528 wurden die Güter der Ritter beschlagnahmt,. Und der letzte Komtur, Heinrich von Prassberg, flüchtete mit allen Urkunden nach Altshausen. Der Orden erzwang jedoch 1552 die Rückerstattung der Kommende, deren Verwaltung, ein bernischer Vogt (Schaffner) übernahm. Dieser Zustand währte bis 1729, da es Bern gelang, die Güter der Ritter für eine Summe von 120000 Reichstalern zu erwerben. 1732 wurde Köniz Landvogtei und blieb es bis zum Untergang der alten Eidgenossenschaft. Der Landvogt setzte das schwarze Kreuz, welches die Ritter auf ihrem weissen Mantel und auf dem Waffenrock getragen, in sein Siegel, und daraus entwickelte sich später das Gemeindewappen.

BAUGESCHICHTE

Fundamente älterer Anlagen konnten bis jetzt nicht freigelegt werden. Der romanische Bau, zur Hauptsache in den Längsmauern des Schiffes zu erkennen, dürfte Ende des 11. Jh. durch „Restaurant im Schloss“ die Augustiner errichtet worden sein. Er war im Westen rund sieben Meter kürzer und schloss im Osten vermutlich mit einer halbrunden Apsis, doch wäre auch ein Dreiapsidenschluss denkbar. Der hohe gotische Chor wurde in der Blütezeit des Deutschen Ordens um 1310 aufgeführt. Grosse bauliche Veränderungen fanden um die Wende zum 16. Jh. statt: In der Südwand des Langhauses wurden die grossen spätgotischen Fenster eingesetzt, 1503 erhielt das Schiff seine schöne Flachdecke. Von den späteren Arbeiten sind zu nennen: Einbau der Orgel 1781, der seitlichen Empore 1786, des Portals auf der Nordseite 1787, Aussenrenovation 1888, Innenrenovation durch Max Zeerleder 1929/30, umfassende Aussenrestauration durch Dubach und Floor 1953, Abbruch des Verbindungstraktes zwischen Chor und Pfarrhaus, Aussen- und Innenrestauration des Pfarrhauses 1966.

 

BAUBESCHREIBUNG

Äusseres: Die beiden wichtigsten Bauetappen lassen sich aussen, vor allem in der Längsansicht von Süden, leicht ablesen: Den älteren Teil bildet das verhältnismässig lange romanische Schiff mit dem schwach geneigten Satteldach, den jüngern der überhöhte gotische Chor mit dem steilen, gebrochenen Walmdach. Ursprünglich erhob sich hier eine Giebelwand. Sie wurde im 19. Jh. Entfernt und durch die geschlossene, abgewalmte Dachfläche ersetzt, was die Selbständigkeit des angefügten Baukörpers noch erhöht. Der Chor schliesst in drei Seiten eines Achtecks. Diese sind durch die Verwendung eines edleren Materials - behauene Sandsteinquader - als eigentliches Chorhaupt ausgezeichnet. Sieben schmale Masswerkfenster erhellen das Innere. Am Langhaus sind vor allem auf der Südseite die romanischen Stilelemente erhalten geblieben: kleine, hochgelegene Rundbogenfenster, Rundbogenfriesen und Lisenen. Die rhythmische romanische Gliederung der Wand wird unterbrochen durch die drei grossen Spitzenbogenfenster mit spätgotischem Masswerk. Die vier Lichtquellen in romanischen Formen auf der Nordseite sind neu. Sie mussten 1953 aus praktischen Gründen geöffnet werden (Querlüftung). Damals wurde auch das Vorzeichen über dem Westeingang in der ursprünglichen Form als Pultdach wieder hergestellt. Der markante Turm, welcher ungefähr die Mitte der gesamten Kirche hält, ist mit dem Schiff nicht direkt verbunden. Es ist nach oben durch gekuppelte romanische Fenster leicht aufgelockert (1953 erneuert). Der offene Glockenstuhl, den ein verschalter Laufgang umgibt, wurde zur Aufnahme eines neuen Geläutes verstärkt (1961). Die fünf Glocken, deren grösste 3000 kg wiegt, sind auf die Tonreihe des des-es-f-as-b gestimmt und ergeben einen harmonischen Klang. Der vorkragende, mit Schindeln besetzte schlanke Helm geht vom Viereck ins steile Achteck über. Erwähnt sei auch ein sogenanntes Chorrichter-Stübli im Turmsockel. Fehlbare wurden hier gelegentlich festgehalten, bevor sie sich vor dem Chorgericht zu verantworten hatten. Auf der Innenseite finden wir beim Turmeingang die Jahreszahl 1664 und darunter in hebräischer Sprache das Wort "Gotteshaus". Unmittelbart neben dem Turm trägt ein schmuckes Sandsteinportal mit kräftigem Gebälk, flachen, kannelierten Pilastern und Tropfen die Jahrzahl 1787. 

Inneres: Man betritt den Kirchenraum im Westen unter einem grossen, mit Sprüchen geschmückten Vorzeichen (1953 neu errichtet). Im Langhaus herrscht trotz der breiten spätgotischen Spitzbogenfenster der eher düstere romanische Raumeindruck vor. Dem helleren Chor, der leicht erhöht hinter dem eingezogenen gotischen Triumphbogen sich öffnet, fehlt jegliche konstruktive Gliederung: das Gewölbe bildet eine Flachtonne, die unten kantig ausläuft. Ursprünglich ist auch hier eine gotische Holzdecke wie im Schiff anzunehmen.

Ausstattung: Besondere Bedeutung kommt der spätgotischen Leistendecke des Langhauses mit den farbigen Flachschnitzereien und figürlichen Darstellungen zu. Eine mit Heiligen bemalte Längsleiste und zwei dazu quer verlaufende Friesbänder unterteilen das Feld. Die beiden Querleisten sind durch Masswerke, Bänder- und Rankenwerk vor dunklem Grund auszeichnet. Die Inschrift auf dem vorderen Streifen lautet: "Da man zal nach der Geburt JHS XPS MCCCCC und III Jar da schluog hie der Hagel zweit ia…du ward das Waerck gemachtt vom altten Maister Niclas Weierman Amen". Ein drachenähnliches Tierlein trennt Schlusswort und Namen. Auf der Längsleiste erblicken wir vom Chor ausgehend: Maria, die gekrönte Himmelskönigin mit dem Christuskind in der Mandelglorie, die heilige Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und grosse Wohltäterin, Schutzpatronin des Deutschen Ordens, Sankt Nikolaus, den Kinderfreund als Bischof, daneben kleinere Halbfigur des Christus Pantokrator (des Allherrrschers) mit Segensgestus und Weltkugel (lateinischer Dreifingergestus).

Es folgen die beiden Kirchenpatrone Petrus und Paulus, dann der bei uns weniger bekannte heilige Blasius, Nothelfer der Halskranken und Beschützer des Viehs, Sankt Leonhard, welcher die Gefangenen befreit und kranke Pferde heilt - zu seinen Füssen ein kniender Deutschritter -, Sankt Bartholomäus, der grosse Märtyrer und Fürbitter, und als Abschluss wieder eine Frauengestalt: Die heilige Maria Magdalena, die reuige Sünderin, welche allen bedrängten weiblichen Wesen hilft. Als Maler zeichnet Hans Fener von Esslingen. Die Decke von Köniz verdient als datiertes Hauptwerk zwischen Würzbrunnen (1495) und Biglen (1521) Beachtung.

Mit Flachschnitzereien, deren Zeichnung sich als ein glattes, aus der Oberfläche geschnittenes Relief erhebt, wurden im ausgehenden Mittelalter nicht nur ungezählte Kirchen und Klöster der deutschen Schweiz, sondern auch die Räume vornehmer Profanbauten, Ratssäle, Zunft- und Trinkstuben geschmückt. Dieser erhielten dadurch eine festliche Note, wie denn auch bewegtes Linienspiel und frohe Farbigkeit der späten Gotik von einer neuen Hinwendung zum Leben künden.

Die Kanzel aus Nussbaumholz an der südlichen Chorbogenwand fügt sich mit ihren eleganten und doch kraftvollen barocken Formen räumlich zwischen romanischem Schiff und gotischem Chor ausserordentlich harmonisch ein. Ein Meisterwerk bernischer Ebenistik, zeigt sie einen leicht geschweiften Korpus, dessen Linienführung in verstärkter Ausprägung vom Schalldeckel übernommen wird. Ihre Ähnlichkeit mit derjenigen in der ehemaligen Dominikaner- oder Predigerkirche in Bern, wo wir die Hand des Tischmachers Meister Meier und diejenige des Bildhauers Friedrich Funk (I.) erkennen, ist auffallend. Die Kanzel von Köniz darf wohl in der Umgebung von Bern als schönstes Beispiel im Louis-XV.-Stil angesprochen werden.

Der spätgotische Taufstein aus grünlicher Molasse verdient besondere Beachtung. Über einem gedrungenen Balusterschaft auf niedriger Sockelplatte mit oberkantigem Wulst ruht ein aus der Halbkugel entwickeltes Achterbecken mit kräftigem Gesims. Verzogene Dreipässe in versenkten Hochovalen rahmen die einzelnen Felder. In jedem zweiten Feld erblicken wir eine Halbfigur von bedeutender bildhauerischer Qualität. Die aus der Leidensmystik erwachsene Gestalt des Schmerzensmannes (Nordseite) erscheint an dieser Stelle eher ungewöhnlich und ohne Bezug auf das Taufgeschehen. Der dornengekrönte Erlöser, dessen übergrosses Haupot sich leicht zur Seite neigt, zeigt mit erhobenen Armen und geöffneten Händen seine Wundmale. Auffallend die stark eingezogene Gürtellinie. Die Darstellung der jugendlichen Maria mit verschleiertem Haupt und gefalteten Händen muss wohl im Zusammenhang mit der Figur Christi betrachtet und als Beweinung des Herrn durch seine Mutter gedeutet werden. Petrus, der erste Schutzpatron der Kirche, ist durch einen grossen Schlüssel und die obligate Stirnfranse gekennzeichnet. Paulus hält etwas unbeholfen mit beiden Händen ein Schwert am Griff und Steg.

Der Taufstein von Köniz zeigt grosse Ähnlichkeit - sowohl stilistisch als auch im Bildprogramm - mit demjenigen im aargauischen (1415 bernisch gewordenen) Holderbank, so dass Hermann Schöpfer, dem wir diese Angaben verdanken, für beide die gleiche Werkstatt, ja, den gleichen Meister vermutet und sie in die 1470er Jahre oder kurz später datiert. Die Vermerke auf dem Beckengesims "EXSTR. C. 1503" und "RENOV 1887" wurden 1887 eingemeisselt. Hinter der Zahl 1503, so meint Schöpfer, steckt wohl lediglich die Annahme, der Taufstein sei gleichzeitig mit der Flachdecke im Schiff entstanden. Mit Ausnahme der Gesichter wurden die Figuren stark überarbeitet, die ursprüngliche Haut des Steins zerstört. Sockelplatte wohl 1887, Schaft eventuell erneuert. Die Orgel aus dem Jahre 1781 ist ein Werk von Karl Josef Maria Bossart aus Baar, welcher schon 1756 bis 1758 als Mitarbeiter seines Vaters erscheint beim Bau der grossen Barockorgel in der ehemaligen Predigerkirche zu Bern nach einem Riss von Johann Friedrich Funk (I.). Der schöne Prospekt von Köniz wird durch drei Pfeifentürme. von denen der mittlere leicht erhöht ist, und zwei zweigeschossige Zwischenfelder klar gegliedert, durch schöne, bemalte Schnitzereien, drei Vasen und zwei muszierende Putten geschmückt. Umbau und seitliche Erweiterung 1949.

Die Glasgemälde aus dem frühen 14. Jh. im Chor bilden wohl den kostbarsten Schatz der Kirche. Von der ursprünglichen Verglasung der sieben hohen, zwei lanzettigen Fenster mit einem Masswerk aus formstrengen Drei- und Vierpässen sind in den Schrägseiten drei Bahnen fast vollständig und eine vierte fragmentarisch erhalten geblieben.

Jede Bahn birgt die Figur eines Apostels: Petrus (neu), Johannes, Bartholomäus und Jakobus. Die Gestalten stehen in den rahmenden Tabernakeln, die beiden südlichen unter doppelten Wimpergen. Der abstrakte Bildgrund ist im Norden blau, im Süden rot und zeigt ein Rautenmuster, das mit vierblättrigen Blüten besetzt ist,. Über und unter der Figurenzone läuft in senkrechter Richtung ein Blattmuster durch, in das im Südfenster Blüten, im Nordfenster Vierpässe eingefügt sind. Hier finden wir am untern Rand auch die zeitgenössischen Stifterwappen der Edlen von Helfenstein, deren Burg sich am rechten Ufer der Sense erhob, und der Herren von Urburg (?). Da "ein Petrus von Helfenstein es war, der 1317 am Samstag nach Valentini Hab und Gut dem Deutschordenshaus Köniz vergabte, um es als Lehen bis zu seinem Tod zu verwalten" (Prof. Ellen Beer), liegt der Schluss nahe, in ihm den Stifter zu erblicken. Im Südfenster waren entsprechende Wappen wohl nie vorhanden, denn in der Komposition des Ornaments hätten sie, wie schon Hans Legmann bemerkt, keinen freien Raum gefunden. Vom Mittelfenster ist lediglich eine Tabernakelkrönung, welche auf einen reicheren Aufbau schliessen läst, erhalten geblieben; sie befindet sich im Historischen Museum Bern. Ursprünglich dürfte eine Darstellung Christi und der heiligen Jungfrau diese zentrale Stelle eingenommen haben, vielleicht, wie Ellen Beer vermutet, in Form einer Marienkrönung. - Das Passionsfenster schuf Rudolf Münger 1895.

Die drei Apostelscheiben bilden nur den kümmerlichen Rest einer umfangreichen gotischen Chorverglasung; sie gehörten wohl zu einem Zyklus, der in der Hauptsache die zwölf Jünger darstellte. Stilistisch und zeitlich stehen sie denjenigen von Münchenbuchsee, Blumenstein und Königsfelden nahe, sind als Ausstrahlungen des hochrheinisch-konstanzioschen Schulkreises, insbesondere der Stilgruppe Heiligenberg und Heiligenkreuztal zu betrachten. Wie diese zeigen sie deutlich die Formensprache der Hochgotik: Die starken Konturen der Bleiruten betonen die Zeichnung, die schlanken Gestalten schwingen leicht in den Hüften und sind einander zugewendet, als wollten sie miteinander "ins Gespräch kommen" (Gantner). Gesichter in Dreiviertelansicht, mandelförmiger Augenschnitt, kräftig bewegte Stirn- und Seitenlocken, ausdrucksvolle Gebärdensprache.

Als Scheiben des frühren 14. Jh. verbinden sie höfische Eleganz mit religiöser Innerlichkeit, ohne indessen die Kraftvolle Aussage der Scheiben von Münchenbuchsee oder Blumenstein, die mystische Tiefe von Heiligkreuztal oder Oberkirch, die makellose Schönheit der Meisterwerke von Königsfelden zu erreichen. Charakteristisch für Köniz ist die reiche Verwendung des Überfangglases (Übereinanderlegen zweier Glasplatten verschiedener Färbung). Datierung vor 1330.

Die zwei Kabinettscheiben im Fenster der südlichen Schrägseite befanden sich ursprünglich an anderer Stelle. Der Bubenbergschild von Rudolf Minger soll uns daran erinnern, dass sich die Burg des stolzen Geschlechts, Neu-Bubenberg, einst südlich Schliern erhob. Die schwungvoll gezeichnete Scheibe mit denm schwarzen Mühlenrad auf Goldgrund, deren ornamentale Kraft und sichere Linienführung die Hand eines Meisters verraten, stiftet um 1520 Ritter Kaspar von Mülinen (1481-1538), der zur Zeit der Mailänderzüge und der nachfolgenden Glaubenskämpfe in der bernischen Politik eine führende Rolle spielte und eine Stütze der Altgläubigen war. An seine Wallfahrt ins heilige Land erinnern Jerusalemerkreuz (rotes Kreuz auf dunklem Grund, begleitet von vier kleinen Kreuzleion) und Katharinenschwert mit Rad und Schriftband.

Die Glasgemälde im Schiff wurden 1937 von alten Könizer Familien gestiftet. Sie sind dem Gründerpaar Königin Bertha und Rudolf II. von Burgund, den heiligen drei Königen und der Übergabe des Chorherrenstifts Köniz an die Deutschritter durch Kaiser Friedrich II. gewidmet (Entwürfe von Ernst Linck und Leo Steck, Ausführung Louis Halter).

Die Wandmalereien zwischen den drei Fenstern des Chorschlusses sind 1929/1930 freigelegt worden. Weniger gut erhaltene Darstellungen wurden wieder zugedeckt. Unmittelbar links und rechts neben dem Achsenfenster erscheinen die Schutzheiligen der Kirche, die Apostel Petrus und Paulus, je unter einem Kielbogen mit Krabben. Neben Petrus reicht die Lieblingsheilige der Deutschen, Elisabeth von Thüringen (1209-1231), einem armen Kinde einen Wecken, während sich auf der Gegenseite neben Paulus drei kleinere Bildfelder befinden (Bedeutungsmassstab): Oben wird Maria Magdalena, die sich in die Wüste zurückzog, von sechs Engeln in die Lüfte gehoben, auf dass sie himmlische Speise empfange und keiner irdischen Nahrung bedürfe (Verzückung). Unter ihr kniet der Stifter der Fresken, Franz Senno von Münsingen, Komtur in Köniz 1364 und 1393-1398. Sein Wappen zeigt in Rot einen weissen Schildhauptpfahl. Das seitliche Gemälde mit dem heiligen Antonius läuft in die Leibung des Fensters über. Das Jahr der Entstehung der Fresken geht aus der Inschrift über den Apostel hervor: „Anno d(omi)ni MCCXCVIII“ (1398).

SCHLOSS

Trotz wiederholter Eingriffe ist die innere Geschlossenheit und Einheit der alten Komturei erhalten geblieben. Das Chorherrenstift aus dem 12. Jh. Ist freilich nur noch in den Fundamenten der heutigen Anlage nachweisbar. Diese bildet im wesentlichen ein Werk des 16. und 17. Jhs. Das westöstlich gerichtete Ritterhaus mit dem mächtigen Walmdach wurde, wie ein schönes Wappenrelief auf der Ostseite bezeugt, im Jahre 1610 durch den Vorarlberger Christoph Thumb aufgeführt. Das Relief zeigt in einer Kartusche den Bernschild mit der Herzogskrone (der Bär wurde weggekratzt), darunter das Kreuz der Deutschherren und das Wappen des damaligen Landeskomturs der Ballei Elsass-Burgund. In den Kellern verdienen die Gänge aus dem späten 12. Jahrhundert, die grossen Gewölbe, die mächtigen Entlastungsbogen und zwei alte Backöfen Beachtung. Die Südfront des dreigeschossigen Hauptgebäudes begrenzt mit dem angebauten Pfarrhaus, dem Chor der Kirche und dem langgestreckten „Haferhaus“ den stimmungsvollen innern Hof, welcher einst auf der Ostseite durch eine Mauer, wohl auch mit Tor und Graben, abgeschlossen war (vermauerter Torbogen auf der Nordseite des Haferhauses sichtbar). Nord- und Ostfront des Ritterhauses wurden durch eine ganze Anzahl von Anbauten im 19. und 20. Jh. Stark verändert. Hier muss sich, wie ein Bild von Kauw beweist, einst auch ein gedeckter Zugang befunden haben. Den geräumigen Wirtschaftshof umschliessen Scheune, Stallungen und das mächtige „Kornhaus“, dessen zweiseitige, gedeckte Freitreppe mit der Jahrzahl 1724 an diejenige des Berner Ratshauses erinnert. Die Umfassungsmauern auf der Südseite haben bequemeren Zufahrtswegen weichen müssen; abgetragen wurde 1883 auch ein grosser Torbogen neben dem „Haferhaus“. Wie ein schützender Schild aber erhebt sich im Westen die hohe Stützmauer an der Durchgangsstrasse und verleiht der ganzen Anlage noch heute einen burgähnlichen Charakter.


© Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Basel 1976.